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Rechte: CIVIS/Henry Herrmann (Rechte: CIVIS/Henry Herrmann)
Sonia Seymour Mikich
Sonia Seymour Mikich
Dr. Navid Kermani (Rechte: dpa)
Dr. Navid Kermani
Helmut Schmidt (Rechte: WDR/AP/Balzarini)
Helmut Schmidt

Standpunkte

Religionsfreiheit und Perspektivwechsel -
was der kleine Schnitt mich lehrt

Ein kleiner Schnitt für Gott. Eine große Kontroverse. Nichts Geringeres als die Existenz jüdischen Glaubens in Deutschland stehe auf dem Spiel, so war es vielen Kommentaren zu entnehmen. Das friedliche Miteinander verschiedener Religionen und Kulturen – in Gefahr! Das Grundrecht auf freie Ausübung des Glaubens - bedroht!  Um die Kontroverse schleunigst zu dämmen, schickte der Bundestag in der vergangenen Woche ein Signal an Juden und Muslime, es darf weiter beschnitten werden, aber demnächst gesetzlich geregelt. Rechtssicherheit soll hergestellt werden, damit Eltern und Ärzte sich nicht in einer Grauzone bewegen, wenn sie den kleinen Sohn dem schmerzhaften Eingriff aussetzen.

Ach Grauzone, sie hatte auch ihr Gutes. Denn die Eindeutigkeit des Urteils von Köln, Beschneidung als Straftat zu bewerten, hat nun Reflexe und Vorwürfe losgetreten, die mich in ihrer Rigidität beunruhigen. Da heisst es summarisch, "das Religiöse macht der Gesellschaft Angst". Oder: "Der schwerste Angriff auf jüdisches Leben seit dem Holocaust".

Standpunkte

Religionsfreiheit und Perspektivwechsel -
was der kleine Schnitt mich lehrt

Keine Kleinigkeit also, es gibt 140 Tausend Juden und 4 Millionen Moslems in Deutschland. Da wundert es nicht, dass um des sozialen Friedens willen viele Abgeordnete letzte Woche die Sache im Eilverfahren durchpeitschten. Doch auch wenn es auf dem Papier anders klang:
Das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit wurde der Religionsfreiheit, den Elternrechten untergeordnet. Kindeswohl: gewogen – und für leicht befunden. Es war wohl naiv zu glauben, dass medizinische Erkenntnisse die Macht des Rituals aushebeln würden. Dass Langzeitstudien von Psychologen und Traumaforschern zur Kenntnis genommen würden, demzufolge der kleine Schnitt sehr wohl gravierender ist als eine Schutzimpfung. Dass Kinderschutz-Vertreter sich gegen Elternrechte behaupten könnten.

Traurig, dass ich versichern muss: Ja, ich möchte, dass die verschiedenen Kulturen und Religionen respektvoll miteinander leben. Was denn sonst. Doch nun die Frage: wer hat eigentlich die Deutungsmacht bei Diskussionen um Religion? Dürfen nur Gläubige Glaubensdinge definieren?

Standpunkte

Religionsfreiheit und Perspektivwechsel -
was der kleine Schnitt mich lehrt

Warum übernimmt das Parlament einer säkularen Republik die Interpretation von einzelnen Gruppen? Wie sehen säkulare Moslems und Juden die Angelegenheit? Warum ist in Großbritannien und den USA die späte Beschneidung möglich, ohne Fundamentaldebatten auszulösen? In Israel gibt es eine Bewegung gegen die Beschneidung. Wie sehen sie kulturelle Identität? Was ist echte Diskriminierung? Lauter Fragen, die einen Diskurs wert gewesen wären bevor der Bundestag - huschhusch - entschied.

Ich wechsele einmal die Perspektive.

Ich habe eine innige Beziehung zur Freiheit, sie ist mir genauso kostbar, wie Anderen die innige Beziehung zu Gott, Jehova, Allah. Mein Recht auf Selbstbestimmung ist für mich essenziell, ich akzeptiere nicht, dass einige Menschen mehr befugt sein sollen über Werte zu befinden als andere. Religiöse Traditionen und Symbolik sind für mich kein Gut an und für sich. Ich nehme sie freundlich zur Kenntnis und nehme mir das Recht, nach Nutzen und Schaden zu fragen. 

Standpunkte

Religionsfreiheit und Perspektivwechsel -
was der kleine Schnitt mich lehrt

Alles, das nicht hinterfragbar, nicht veränderbar ist, macht mich mundtot. Erinnert mich an Ideologie. Es steht geschrieben? In der gleichen Logik könnten Fundamentalisten auch bei Ehebruch das Steinigen von Frauen begründen. Und was wäre mit Tieropfern? Glauben bewährt sich am mündigen Menschen, und dem wünsche ich gutes Abwägen eines Rituals aus grauer Geschichte. Ich hoffe auf Empathie, auf gute Menschen und gute Taten. Das gibt Lebenssinn.

Wie definiere ich Religionsfreiheit?

Als Möglichkeit, sich für eine Glaubensrichtung zu entscheiden – oder eben nicht. Rituale zu pflegen – oder eben nicht. Werten zu folgen – oder eben nicht. Diese Entscheidungsfreiheit können Säuglinge oder kleine Jungen nicht wahrnehmen. Nicht Eltern oder Stellvertreter in ihrem Namen. So einfach ist es. Der Bundestag setzte andere Prioritäten.

Standpunkte

Religionsfreiheit und Perspektivwechsel -
was der kleine Schnitt mich lehrt

Im Herbst wird darüber befunden, wie die Balance zwischen dem Grundrecht auf Religionsfreiheit und dem Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit und den Elternrechten aussehen soll. Verlässt das Gesetz den Bundestag so diffus wie jetzt vereinbart, wird die Kontroverse vor dem Bundesverfassungsgericht enden. Immerhin, ein Kollateralnutzen ist schon jetzt entstanden: wir wissen etwas besser Bescheid über gläubige Juden und Muslime.

Die in "Standpunkte" wiedergegebenen namentlich gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der CIVIS Medienstiftung wieder.

Standpunkte

Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime

"Ist es liberal, muslimischen Lehrerinnen zu erlauben, ein Kopftuch zu tragen? Bedeutet Säkularität, dass der Staat alle Religionen konsequent gleich behandelt? Meint Vielfalt etwa auch ein Minarett im Stadtbild? Kann ein muslimisches Land der Europäischen Union beitreten? Einem Europa, dem der Islam zumindest potentiell angehört, liegt ein anderes Konzept zugrunde als ein Europa, das sich durch seine christlichen oder christlich-jüdischen Wurzeln definiert, damit auch durch die Abgrenzung vom Islam. Streitfragen der Historiker werden zu Streitfragen der Gegenwart: ist die arabische Philosophie der Muslime und Juden ein Bestandteil der europäischen Aufklärungstradition? Beruft sich also Europa auch auf islamische Wegbereiter der Moderne in der Philosophie, in der Scholastik oder der Literatur? Gehören das islamische Spanien und das Osmanische Reich zur europäischen Geschichte oder wird ihre Darstellung an die Nahostwissenschaft delegiert? Wie immer die Antwort ausfällt, selbst in philosophiegeschichtlichen Erörterungen - sie hat angesichts der Zusammensetzung unserer Gesellschaft Auswirkungen auf unsere Zukunft.

Standpunkte

Die Berichterstattung zum Islam hat den Charakter einer Kampagne

Die geistige Aufrüstung, die in Teilen der Gesellschaft betrieben wird, ist unübersehbar. Die Berichterstattung zum Islam in einzelnen Medien hat längst den Charakter einer Kampagne angenommen und ist von Wissenschaftlern vielfach analysiert worden, nicht zuletzt hinsichtlich ihrer Bildersprache: vermummte Männer mit Maschinengewehr, voll verschleierte weibliche Massen, von hinten photographierte Kopftücher auf deutschen Schulhöfen, im Schrei verzerrte Gesichter, Betende genau in dem kurzen Augenblick, in dem sie ihre Stirn zu Boden führen, so daß ihr Hinterteil in die Kamera grinst. Um die eingeborene Gewalttätigkeit des Islam zu beweisen, zitieren die typischen Artikel, Sendungen und Bücher die immer gleichen Koranverse zur Gewalt, als gäbe es keinen historischen oder textuellen Kontext zu berücksichtigen, und picken aus der Geschichte selektiv die Massaker, Diskriminierungen und Eroberungskriege heraus, die es natürlich in der islamischen Geschichte gegeben hat - und schon sieht die Geschichte des Islam aus wie ein Horrorkabinett. Wie billig ein solches Muster ist, wird deutlich, wenn man es ins Gegenteil verkehrt: Kolonialismus, Kreuzzüge, der Völkermord an den Indianern, Inquisition und Jesu Missionsbefehl, Tschetschenien, Irak, Sabra und Schatila, Palästina, Srebrencia und die christliche Propaganda der Serben, die derzeit biblische Legitimation der Apartheid, Holocaust, zwei Weltkriege, zur Variation...

Standpunkte

Es ist ein Leichtes Tag für Tag negative Meldungen zusammenstellen

...jetzt gern auch die Elfenbeinküste oder der Protest gegen Moscheen in Europa, das alles versehen mit ein paar Heiligkriegszitaten aus der Bibel, Bush und Berlusconi und von früheren Amerikahassern interpretiert, schon hat man genügend Belege gesammelt, um die Einfältigen in der islamischen Welt von der angeborenen Aggressivität des Christentums zu überzeugen.

Nach dem gleichen Muster funktionieren die diversen Internetseiten, die Tag für Tag auflisten, wo Muslime heute wieder Gewalttaten begangen haben, ihre Dummheit beweisen oder sich lächerlich gemacht haben. Es ist ein Leichtes, wie islamische Websites demonstrieren, Tag für Tag negative Meldungen zusammenstellen, in denen irgendwo auf der Welt westliche Personen, Gruppen oder Staaten dem Feindbild entsprechen, das man sich von ihnen macht, von amerikanischen Ölkonzernen im Nahen Osten über die Kinderpornographie bis hin zu Brandanschlägen auf Asylheime oder Moscheen. Diese Meldungen mögen alle für sich wahr sein und werden in der Zusammenstellung dennoch zur Lüge.

Standpunkte

In kaum einem Land auf der Welt sind Minderheiten vollständig gleichberechtigt

Auch die einschlägigen Bestseller zum Islam in Europa schildern meist eindringlich soziale Problemfälle in muslimischen Familien, ohne sie anhand empirischer Daten mit der tatsächlichen Zahl von Muslimen in Beziehung zu setzen. Dem Leser wird so der Eindruck vermittelt, als seien Ehrenmorde, Zwangsverheiratungen und Gewalt in muslimischen Familien die Regel, die zivilisierten, säkularen Muslime die Ausnahme. Das ist so bizarr, als würde eine Studie über Rechtsradikale in Ostdeutschland den Eindruck vermitteln, als seien alle Ostdeutschen rechtsradikal - oder als würde ein Augenarzt zu der Auffassung kommen, alle Menschen hätten Augenprobleme. Genauso gedankenarm ist es freilich, immer nur aufzulisten, wo Muslime auf der Welt oder speziell in Deutschland benachteiligt werden. Gewiß gibt es solche Fälle: Familien, die wegen ihres arabischen Namens keine Wohnung erhalten, Frauen, die wegen ihres Kopftuchs auf der Straße angespuckt werden. Sieht man genau hin, wird man wahrscheinlich jeden Tag einige Vorfälle finden. Aber daraus eine Verfolgung der Muslime abzuleiten, gar vergleiche zur Judenverfolgung im Dritten Reich anzustellen, wie es gelegentlich geschieht, ist völlig grotesk.

Standpunkte

Die Minderheiten in Europa genießen ein hohes Maß an Freiheit

In kaum einem Land auf der Welt sind kulturelle oder religiöse Minderheiten vollständig gleichberechtigt. Aber im Vergleich zu den meisten anderen und gerade zu den islamischen Ländern genießen die Minderheiten in Europa ein hohes Maß an Freiheit und Emanzipation, auch die Muslime. Das bedeutet nicht, sich mit Diskriminierungen abzufinden. Nur sollte man auch als Muslim die Relationen nicht vollständig aus den Augen verlieren und gelegentlich einmal die Vorzüge unserer westeuropäischen Gesellschaften anerkennen. Ja, es gibt ein Feindbild Islam. Aber die Muslime sollte es beunruhigen, dass es einen Islam gibt, der sich als Feind gebärdet."

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Navid Kermani

Mit freundlicher Genehmigung
Navid Kermani
Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime.
Verlag C.H. Beck oHG, München, 2009, Seite 36-40

Dr. Navid Kermani, Orientalist und Schriftsteller. Studium der Islamwissenschaft, Philosophie und Theaterwissenschaft in Köln, Kairo und Bonn. 1998 Promotion in Bonn. 2000-2002 Long Term Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, Institute for Advanced Study. 2005 Habilitation. 2005-2007 Regisseur und Kurator für außergewöhnliche Veranstaltungen am Schauspielhaus Köln. Seit 2006 Mitglied der Deutschen Islamkonferenz, seit 2007 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2008 Stipendiat der Villa Massimo. Seit 2008 Permanent Fellow am Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen und Auszeichnungen.

Die in "Standpunkte" wiedergegebenen namentlich gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der CIVIS Medienstiftung wieder.

Standpunkte

Unser Interesse am Frieden zwischen der islamischen Weltreligion und der westlichen Welt ist grundlegend.

"Es wird auch noch einige Zeit dauern, bis bei uns die Auswirkungen der Bevölkerungsexplosion in Asien, Afrika und Lateinamerika bei gleichzeitiger Schrumpfung der europäischen Nationen begriffen werden. Im Laufe des letzten Jahrhunderts hat sich die Zahl der auf der Erde lebenden Menschen vervierfacht, bis gegen die Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts wird die sich gegenüber dem Jahre 1900 auf das sechsfache steigern. Schon heute spüren wir die massenhafte Wanderung in Richtung Europa und Nordamerika. Aber kaum irgendwo in der EU erscheint das drängende Problem der kulturellen und politischen Integration befriedigend gelöst oder wenigstens auf dem Wege zur Lösung - so auch in Deutschland. Aus den daraus resultierenden ethnisch-nationalistischen Gegensätzen könnte sich bei weiterer Vernachlässigung ein weltpolitisch bedeutsamer Konfliktstoff ergeben."

Standpunkte

Ein Fünftel der Menschheit bekennt sich zum Islam.

"Unser Interesse am Frieden zwischen der islamischen Weltreligion und der westlichen Welt ist grundlegend. Ein Fünftel der Menschheit bekennt sich zum Islam. Heute leben bereits über drei Millionen Muslime unter uns Deutschen, und ihre Zahl wird zunehmen; dazu werden sowohl der Wanderungsdruck aus dem Mittleren Osten und aus Afrika beitragen als auch die hohen Geburtenraten der zugewanderten Muslime. Heute leben in der EU fünfzehn Millionen Muslime, in Russland weitere zwanzig Millionen. Weder hier noch dort ist bisher die Integration muslimischer Mitbürger ausreichend gelungen. Samuel Huntingtons Schlagwort vom clash of civilizations liegt ein gutes Jahrzehnt zurück. Manche hielten seine Prognosen für allzu pessimistisch, andere haben daraus sogar ein geostrategisches Konzept abgeleitet. Heute muß man die Möglichkeit eines weltweiten Konflikts zwischen dem Islam und dem Westen für denkbar halten. Ein solcher Konflikt könnte von Indonesien oder Pakistan und Afghanistan bis nach Algerien und Nigeria reichen und Russland sowie den Balkan und die großen Städte in Europa einschließen. Religiöse Motive, sozialrevolutionäre Antriebe und machtpolitische Zielvorstellungen können sich vermischen - und ein zufälliges Ereignis kann solch ein Gemisch auf islamischer Seite schnell zur Explosion bringen. Aber die Explosion kann auch durch den Westen, durch die USA oder Israel ausgelöst werden.

Standpunkte

Wir sollten für die Gleichbehandlung eintreten

Niemand kann die historisch gewachsene Siedlung der Muslime in Rußland und auf der Balkan-Halbinsel rückgängig machen. Auch die muslimische Zuwanderung, ob nach Dänemark, England, Frankreich, Holland oder Deutschland, ist eine unumkehrbare Tatsache. Deshalb müssen wir in jedem Einzelfall sehr genau prüfen, ob es wirklich in unserem Interesse liegt, uns an militärischen Interventionen in muslimisch geprägten Staaten und Regionen zu beteiligen; Bosnien, Kosovo, Afghanistan, die Küsten des Libanon und das Horn von Afrika - diese Kette ist bereits sehr lang! Innenpolitisch bedarf es einer langwierigen Anstrengung, um die muslimischen Mitbürger in unseren Schulen, im Arbeitsmarkt und in unserer Politik angemessen zu beteiligen. Unser Staat, die Kirchen und die Medien sollten der islamischen Religion mit dem gleichen Respekt begegnen, den sie bisher dem katholischen, dem evangelischen und dem jüdischen Bekenntnis gezollt haben. Wir sollten auch in der Europäischen Union und in allen internationalen Gremien für diese Gleichbehandlung eintreten.

Standpunkte

Die öffentliche Anerkennung der islamischen Weltreligion liegt in unserem Interesse.

Darüber hinaus sollten wir darauf drängen, dass der Europäische Rat, die Regierungschefs und das Europäische Parlament sich dem Islam öffnen. Es ist nicht Deutschlands Aufgabe, dem religiösen Oberhaupt der kleinen, ethnisch begrenzten Sekten der tibetischen Buddhisten zur öffentlichen Anerkennung zu verhelfen. Wohl aber liegt die öffentlichen Anerkennung der islamischen Weltreligion in unserem Interesse. Wir müssen zugleich darauf achten, daß der an vielen Orten in manchen Staaten auftretende islamistische Terrorismus nicht als typisches oder als inhärentes Element des Islam missdeutet wird. Es hat auch in der langen Geschichte des Christentums immer wieder Kriegsverbrechen und Terrorismus gegeben, gleichwohl hält niemand etwa die Folterungen durch die Inquisition oder die Verbrennungen auf dem Scheiterhaufen für typische Kennzeichen des Christentums.

Standpunkte

Der Westen kann auch im 21. Jahrhundert nicht jeglichen Terrorismus ausrotten.

Hinterhältige Attentate, Morde und Geiselnahmen ziehen sich durch die gesamte Geschichte der Menschheit, unabhängig von der Religion. Seit der Aufklärung hat man zu ihrer Verfolgung und Verurteilung den Rechtsstaat, Polizei und Strafgerichte. Wer ohne Not militärische Streitkräfte zu bewaffnetem Kampf gegen islamistische Terroristen einsetzt, kann dadurch Wut, Erbitterung und zusätzlichen Terrorismus provozieren - so ist es dem Präsidenten Bush jun. im Irak ergangen. Der Westen kann auch im 21. Jahrhundert nicht jeglichen Terrorismus ausrotten. Er muss ihn mit vielerlei politischen Mitteln zurückdrängen. Aber er muss dabei sorgfältig darauf achten, nicht einen generellen Konflikt mit dem Islam auszulösen, der die Spirale der Gewalt - auf beiden Seiten - nur weiterdrehen und dem Terrorismus neue Rekruten zuführen würde. Die Möglichkeit eines solchen Konflikts scheint in letzter Zeit näher gerückt, ein Konflikt ist jedoch keineswegs unvermeidlich. Gegenwärtig erscheinen die USA den politischen und religiösen Führern des Islam als die herausragende, omnipotente westliche Führungsmacht.

Standpunkte

Die EU hat kein langfristiges Konzept.

Eine erkennbare Grundhaltung oder gar ein politisches Konzept der USA gegenüber den mehr als fünfzig islamisch geprägten Staaten gibt es bislang freilich nicht; die Kenntnisse der amerikanischen Politiker über den islamischen geprägten Mittleren Osten sind gering, zumal die islamischen Staaten geographisch und auch historisch für die Amerikaner sehr weit entfernt zu sein scheinen. Vor allem darf Amerika gegenüber der muslimischen Welt nicht mit zwei Zungen reden: Man sollte nicht einer Reihe von Staaten im Mittleren Osten vorwerfen, sie seien undemokratisch und hielten sich nicht an die Menschenrechte, zugleich aber mit muslimischen Militärdiktaturen paktieren und in Saudi-Arabien, wo die gleichen Zustände herrschen, alles mit dem Argument des Öls zudecken, das im amerikanischen Kongress eine große Rolle spielt. Auch die Europäische Union hat für den Umgang mit dem islamischen Teil der Welt kein langfristiges Konzept, obgleich sie unmittelbar betroffen ist. Diese Situation bleibt potentiell gefährlich. Die Entwicklung einer positiven zivilen und zugleich langfristigen Gesamtstrategie für den Umgang mit dem Islam ist für Europa - und ähnlich auch für Rußland - eine der wichtigsten neuen Aufgaben, die das 21. Jahrhundert uns stellt. Sie muß sowohl kulturelle als auch politische und wirtschaftliche Elemente umfassen. Ohne prinzipielle religiöse Toleranz bleibt die Aufgabe unlösbar."

Standpunkte

Mit freundlicher Genehmigung

Helmut Schmidt: "Ausser Dienst. Eine Bilanz"
Siedler Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Erste Auflage, 2008, Seite 177 u. 183 ff. (ISBN 978-3-88680-863-2)

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